Seefracht aus Asien wird günstiger, die Transportdauer bleibt aber unsicher

Die Seefracht von Asien nach Europa wird seit zwölf Wochen günstiger, doch wann Ihr Container tatsächlich abholbereit ist, bleibt vorerst schwer planbar.

Ein 40-Fuß-Container von Shanghai nach Rotterdam kostete Ende August auf dem Spotmarkt knapp 4.300 US-Dollar. Gemeint ist der Preis für eine kurzfristige Buchung ohne Jahresvertrag.

Am 1. Oktober lag derselbe Preis bei rund 3.400 US-Dollar, und auf der Strecke nach Genua ist er im selben Zeitraum noch etwas stärker gefallen.

  • Seit zwölf Wochen geht es mit Preisen auf den Strecken von Asien nach Europa Woche für Woche abwärts.
  • Zur gleichen Zeit kehren die großen Reedereien Schritt für Schritt auf den Weg durch das Rote Meer und den Suezkanal zurück, nachdem sie ihre Schiffe lange um Afrika herumgeschickt hatten.

Daraus entsteht leicht eine einfache Geschichte: Die Schiffe fahren wieder durch den Kanal, also wird Seefracht billiger und bald wieder normal.

Beides stimmt nur zum Teil. Der Kanal erklärt nur einen Teil des Preisrückgangs, und die Lieferzeiten werden aus unserer Sicht in den kommenden Wochen eher unberechenbarer als ruhiger.

Was trägt noch zum Preisrückgang bei?

Ein Liniendienst zwischen Asien und Europa ist meist eine feste Schiffsverbindung mit Wochenfahrplan. Fährt der Dienst um das Kap der Guten Hoffnung, braucht jedes Schiff für eine Rundreise ein bis zwei Wochen länger.

Damit der Wochentakt trotzdem hält, mussten die Reedereien zusätzliche Schiffe einsetzen. Kehrt ein Dienst auf den Weg durch den Suezkanal zurück, werden diese Schiffe frei, und das Angebot an Laderaum wächst.

Bisher läuft die Rückkehr allerdings vor allem in der Gegenrichtung, also auf der Fahrt von Europa nach Asien.

Vermutlich holen die Reedereien so zuerst Schiffe und leere Container schneller nach Asien zurück. Auf der Fahrt von Asien nach Europa dürfte im September erst zwischen einem Achtel und einem Viertel des Laderaums durch den Kanal gefahren sein.

Den größeren Anteil am Preisrückgang hat deshalb aus unserer Sicht die Nachfrage. Die Hauptsaison zwischen Asien und Europa hat in diesem Jahr schon im Mai begonnen und die Preise bis Juli stark nach oben getrieben. Seitdem lässt die Nachfrage nach. Rund um die Goldene Woche Anfang Oktober, in der viele Fabriken in China schließen, kommt ein Sondereffekt der Staus in Asien hinzu.

Verspätete Schiffe legen dort zur selben Zeit ab wie die planmäßigen, sodass in einzelnen Wochen zwei Schiffe statt einem fahren.

Das Angebot auf der Strecke nach Nordeuropa liegt in diesen Wochen deshalb deutlich über dem Vorjahr, und die Reedereien haben dafür keine Abfahrten gestrichen.

Warum die Preise ins Mittelmeer zuerst gefallen sind

Deutlicher zeigt sich die Wirkung des Kanals im Vergleich zweier Ziele in Europa.

  • Die Preise von Asien ins Mittelmeer haben sich seit dem Höchststand im Juli fast halbiert und lagen schon in der dritten Septemberwoche wieder auf dem Niveau vom Mai, also vor Beginn der Hauptsaison.
  • Nach Nordeuropa fielen die Preise langsamer, zuletzt aber kräftig.

Wir sehen dafür zwei Gründe.

Für Häfen am Mittelmeer bringt der Kanal den größten Gewinn, denn sie liegen direkt hinter seiner nördlichen Ausfahrt. Die Reedereien haben die Mittelmeerdienste bei der Rückkehr vorgezogen.

Auf der Fahrt nach Asien fuhr im September auf diesen Diensten mehr als die Hälfte des Laderaums wieder durch den Kanal, auf den Diensten ab Nordeuropa etwa ein Viertel.

Der zweite Grund liegt an Land. In Nordeuropa arbeiten einzelne Terminals an ihrer Grenze. In Bremerhaven und auf einem Terminal in Rotterdam waren Ende September rund 90 Prozent der Stellflächen belegt, dazu kommt das Niedrigwasser am Rhein.

Volle Terminals bremsen die Abfertigung, und jeder Tag Wartezeit bindet Schiffe.

Warum Ihr Container trotzdem nicht verlässlicher ankommt

Die Rückkehr geschieht Dienst für Dienst und Reederei für Reederei. Maersk hat bisher acht Dienste für den Weg durch das Rote Meer angekündigt. Andere große Reedereien haben einzelne Dienste zurückverlegt, mehrere fahren weiter ausschließlich um Afrika.

Welche Laufzeit für Ihre Sendung gilt, hängt deshalb davon ab, auf welchem Dienst sie gebucht ist.

Hinzu kommen die Staus in Asien. In Shanghai warteten Schiffe Ende September mehrere Tage auf einen Liegeplatz. Verspätete Schiffe legen dann gemeinsam mit den planmäßigen ab, und was in Asien gebündelt abfährt, kommt auch in Europa gebündelt an.

Nach der Goldenen Woche droht das Gegenteil. Fehlt die Ladung aus den Feiertagen, steht mehr Laderaum bereit, als gebucht wird. Für die zweite Oktoberhälfte rechnen wir deshalb mit Abfahrten, die kurzfristig gestrichen werden, und mit Containern, die auf ein späteres Schiff verschoben werden.

Ein Engpass kann dabei an mehreren Stellen entstehen:

  • am Terminal, wenn die Stellflächen für Container knapp werden,
  • beim Zoll, wenn sich die Abfertigung staut,
  • in den Lagern rund um den Hafen,
  • bei den Lkw und den Zeitfenstern für die Abholung.

Für Sie als Empfänger zählt deshalb nicht der Tag, an dem das Schiff festmacht. Entscheidend ist, wann Ihr Container abholbereit ist und weiterfahren kann.

Was die Rückkehr jederzeit wieder umkehren kann

Über allem steht ein Vorbehalt, den keine Reederei in der Hand hat.

Anfang September hat die Huthi-Miliz im Jemen eine neue Offensive begonnen und am 11. September die Küstenstadt Mokka eingenommen. Mokka liegt am Roten Meer nahe der Meerenge Bab al-Mandab, dem südlichen Zugang zum Suezkanal. Der Schiffsverkehr durch die Meerenge ging danach kurz zurück und lief anschließend auf niedrigerem, aber vergleichsweise stabilem Niveau weiter.

Maersk knüpft jeden weiteren Schritt an drei Bedingungen, nämlich eine stabile Lage im und am Roten Meer, keine wesentliche Ausweitung der Kämpfe und weiter positive Lageinformationen von Partnern in der Region.

Wie sich die Lage entwickelt, lässt sich nicht vorhersagen. Falls sie kippt, sind die Folgen aus unserer Sicht absehbar. Die Reedereien würden ihre Schiffe wieder um Afrika schicken, der frei gewordene Schiffsraum wäre erneut gebunden, und die Preise würden steigen.

Warum Sie den Preis mitnehmen und den Puffer behalten sollten

Wenn Sie regelmäßig Container aus China oder anderen Ländern Asiens beziehen, ist der Preisrückgang echtes gespartes Geld. Für Buchungen in den kommenden Wochen lohnt es sich, aktuelle Spotpreise einzuholen und mit Ihren bestehenden Angeboten zu vergleichen.

Die Reedereien wollen ab der zweiten Oktoberhälfte höhere Preise durchsetzen. Ob das gelingt, ist offen.

Wir halten es für wahrscheinlicher, dass die Preise nach Europa vorerst unter Druck bleiben, weil weiterer Laderaum zurückkommt und die Nachfrage schwach ist.

Die Zeit, die Sie für eine Sendung aus Asien bis zur Ankunft bei Ihnen einplanen, sollten Sie dagegen vorerst nicht kürzen. Solange die Laufzeiten je nach Dienst auseinanderliegen, Schiffe in Asien gebündelt ablegen und Abfahrten kurzfristig ausfallen können, verschafft Ihnen der kürzere Seeweg keine verlässlich kürzere Lieferzeit.

Wir gehen davon aus, dass sich diese Lage über die kommenden Monate zieht. Sicherheitsbestände oder Zeitpuffer jetzt schon abzubauen, halten wir deshalb für verfrüht.

Achten Sie bei jeder Buchung darauf, ob das Schiff durch den Suezkanal oder um Afrika fährt. Davon hängt ab, mit welcher Laufzeit Sie rechnen müssen. Planen Sie die Weiterverarbeitung ab dem Tag, an dem der Container abholbereit ist. Die angekündigte Ankunft des Schiffes ist dafür im Moment ein schwacher Anhaltspunkt.

Für Empfänger in Süddeutschland kann ein Mittelmeerhafen eine Alternative sein, wenn der Preisvorteil dort groß genug ist.

Engpässe gibt es allerdings auch dort. In Genua kam es Ende September zu Verzögerungen von mehreren Tagen, und ein landesweiter Streik hat die Terminals am 28. September stillgelegt.

Ob die Rechnung aufgeht, entscheiden am Ende der Weitertransport über die Alpen und die Lage im jeweiligen Hafen.

Für die Ankunft und Entladung der Schiffe in den deutschen Seehäfen hat sich die Lage heute gottseidank entspannt.

Nach Warnstreiks im September und einer Urabstimmung zum Streik Anfang Oktober hat die Gewerkschaft ver.di heute bekannt gegeben, dass sie auf Hafenstreiks verzichtet und das Angebot der Arbeitgeber annimmt.

Wenn Sie für eine konkrete Sendung wissen wollen, welcher Weg und welcher Hafen sich gerade rechnet, sprechen Sie uns an.

About the Author: Andy Keupink

Andy Keupink ist Chief Operating Officer und Gesellschafter der Excellence Global Logistics GmbH. Mit über 20 Jahren Erfahrung in globaler Supply-Chain-Logistik und Luftfracht analysiert er Marktentwicklungen, Kapazitätsengpässe und die operativen Auswirkungen geopolitischer Krisen auf internationale Lieferketten.